Der Beitrag untersucht die Auseinandersetzung mit dem Wohnen in der Lyrik Ilse Kibgis’, insbesondere in ihrem Gedichtband ‚Wo Menschen wohnen‘ (1977). Im Zentrum steht die These, dass Kibgis Wohnen nicht als private oder ästhetisierte Sphäre entwirft, sondern als sozial, ökonomisch und politisch situierte Praxis. Anhand der Gedichte ‚Privilegien‘, ‚Das Haus‘ und ‚Haus Frieden‘ wird gezeigt, wie Fragen von Arbeit, Klassenverhältnissen, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit lyrisch verhandelt werden. Während ‚Privilegien‘ die Verbindung von Arbeit, Ausbeutung und Wohnrealität sichtbar macht, entfaltet ‚Das Haus‘ ein vielschichtiges semantisches Feld des Wohnens zwischen Schutzraum, Konsumort und Gemeinschaft. Mit ‚Haus Frieden‘ formuliert Kibgis schließlich einen utopischen Gegenentwurf zur kapitalisierten Wohnkultur, der Wohnen als Heim, Zuflucht und Solidarraum begreift. Der Beitrag argumentiert, dass die emotionale, politische und explizite Dimension dieser Gedichte nicht als ästhetische Naivität, sondern als programmatische Grenzüberschreitung literarischer Normen gelesen werden kann.
This article examines the representation of dwelling in the poetry of Ilse Kibgis, focusing on her volume ‘Wo Menschen wohnen’ (1977). It argues that Kibgis does not conceive of dwelling as a private or aestheticized sphere, but rather as a socially, economically, and politically situated practice. Through close readings of the poems ‘Privilegien,’ ‘Das Haus,’ and ‘Haus Frieden,’ the article shows how issues of labor, class relations, solidarity, and social justice are articulated poetically. While ‘Privilegien’ foregrounds the connection between work, exploitation, and living conditions, ‘Das Haus’ unfolds a complex semantic field of dwelling that oscillates between refuge, consumer space, and communal site. In ‘Haus Frieden,’ Kibgis ultimately formulates an utopian countermodel to capitalized housing culture, conceptualizing dwelling as home, refuge, and space of solidarity. The article argues that the emotional, political, and explicit qualities of these poems can be understood not as aesthetic naïveté, but as a programmatic transgression of dominant literary norms.
| Lizenz: | ESV-Lizenz |
| ISSN: | 1866-5381 |
| Ausgabe / Jahr: | 1 / 2026 |
| Veröffentlicht: | 2026-05-22 |
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